Sozial benachteiligte Kinder zeigen hohe Sozialkompetenz

Ideelle Wünsche sind nach einer Umfrage der Bepanthen-Kinderförderung bei sozial schwachen Kindern stark ausgeprägt. Stabile soziale Beziehungen haben einen hohen Stellenwert.

Kinder, die in Deutschland in Armut aufwachsen, zeigen trotz ihrer Situation eine ausgeprägte soziale Einstellung und legen im Vergleich zu ihren privilegierten Altersgenossen mehr Wert auf ideelle Aspekte. Das ist ein zentraler Befund der Umfrage Kinder-ECHO „Zukunft“. Hierbei handelt es sich um eine repräsentative Meinungsumfrage durch das Jugendforschungsinstitut iconkids & youth bei Sechs- bis Zwölfjährigen zu ihren Zukunftserwartungen, -wünschen und -ängsten. Initiiert wurde die Umfrage von der Bepanthen-Kinderförderung

Bedürfnis nach starken sozialen Bindungen
Kinder haben mehrheitlich eine positive Vorstellung von ihrer Zukunft: Dennoch machen sich sozial benachteiligte Kinder insgesamt deutlich mehr Sorgen. Das gilt vor allem für elementare Grundbedürfnisse sowie das mögliche Wegbrechen sozialer Bindungsstrukturen: So äußern sozial benachteiligte Kinder im Vergleich zu privilegierten deutlich stärker die Sorgen „dass ich wenig Geld habe“ (49 zu 40 Prozent) und „dass ich nicht genug zu essen habe“ (29 zu 15 Prozent). Auch die Sorge „dass ich von Eltern/Freunden wegziehen muss“ (54 zu 40 Prozent) und „dass meine Eltern krank werden“ (43 zu 28 Prozent) ist bei sozial schwachen Kindern deutlich stärker ausgeprägt.


Grafik: Befragung Kinderarmut Sorgen

Infografik: Kinder-ECHO Zukunft Sorgen

Zukunftswünsche sozial benachteiligter Kinder
In Bezug auf ihre Zukunftswünsche sind zwar auch den ärmeren Kindern materielle Werte wichtig – darunter „viel Geld“ (52 zu 54 Prozent), ein „großes Haus“ (55 zu 47 Prozent), ein „toller Beruf“ (28 zu 39 Prozent) oder ein „tolles Auto“ (27 zu 34 Prozent). Zugleich zeigen sie aber ein hohes Maß an sozialer Verantwortung: Den Wunsch, in Zukunft „anderen Menschen zu helfen“, nannten sie mehr als doppelt so häufig (18 zu 7 Prozent) wie privilegierte Jungen und Mädchen.


Grafik: Befragung Zusammenhang Kinderarmut und Zukunftswünschen

Infografik: Kinder-ECHO Zukunft Wünsche

Keine Angst vor Verantwortung
Im Vordergrund der positiven Erwartungen an ihre Zukunft stehen laut der Befragung für alle Kinder „Selbstständigkeit/Unabhängigkeit“ (61 Prozent), „Beruf und Geld“ (57 Prozent) sowie „Familie“ und „Wohnen“ (27 und 24 Prozent). Dabei ist der Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit bei sozial benachteiligten Kindern weniger ausgeprägt als bei privilegierten (51 zu 62 Prozent). Gleichzeitig haben sozial benachteiligte Kinder weniger Bedenken, zukünftig selbst Verantwortung zu übernehmen und Verpflichtungen nachkommen zu müssen (28 zu 37 Prozent); dies könnte ein Indiz dafür sein, dass sie selbst früher in die Pflicht genommen werden als ihre behüteten Altersgenossen. Das Verantwortungsbewusstsein und das Bedürfnis, sich zwischenmenschlich zu engagieren, ist auch an den geäußerten Berufswünschen zu erkennen: Lehrer sein zählt zu den Traumberufen der Kinder, die in Armut aufwachsen (elf Prozent).

Potenzial für die Gesellschaft
Die Ergebnisse der Umfrage Kinder-ECHO legen nahe, dass Kinder das Leben von Erwachsenen sowohl mit Freiheits- als auch mit Verantwortungsaspekten in Beziehung setzen. Dabei betonen Kinder aus sozial benachteiligten Milieus den Freiheitsaspekt weniger stark und den Aspekt der sozialen Verantwortung stärker als Kinder aus eher privilegierten Milieus. Dies birgt ein großes Potenzial für die Gesellschaft.

Zitate
Professor Dr. Holger Ziegler, Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld, hat die Befragung der Bepanthen-Kinderförderung wissenschaftlich begleitet.

  1. 1. „Benachteiligte Kinder sind häufiger Belastungen ausgesetzt, die sich negativ auf ihr Familien- und Beziehungsleben auswirken können. Daher zeigen sie größere Angst, dass die für sie wichtigen belastbaren Bindungen wegbrechen könnten.“
  2. 2. „Wo Kompensation, zum Beispiel über Konsum, nicht möglich ist, gewinnt ein stabiler Ordnungsrahmen immens an Bedeutung. Funktionierende Familienverbände und andere soziale Bindungen können in diesem Zusammenhang nicht hoch genug eingeschätzt werden.“
  3. 3. „Obwohl die gesellschaftliche Wahrnehmung oft anders ist, verfügen benachteiligte Kinder über einen ausgeprägten Altruismus und eine pro-soziale Orientierung. Da materielle Dinge in ihrer persönlichen Lebenswelt weniger zugänglich sind, wenden sie sich stark ideellen Werten zu.“
  4. 4. „Benachteiligte Kinder besitzen noch ihr volles soziales Potenzial. Die zentrale Frage muss daher lauten: Was kann die Gesellschaft unternehmen, um dieses Potenzial zu bewahren und zu entfalten?“


Über das Kinder-ECHO

Die repräsentative Umfrage zum Kinder-ECHO erfolgte durch das Jugendforschungs-Institut iconkids & youth im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung. Sie wurde durch Professor Dr. Holger Ziegler, Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld, sozial wissenschaftlich begleitet. 736 Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren wurden von April bis Mai 2010 persönlich interviewt. Die Definition von sozial benachteiligten und privilegierten Verhältnissen erfolgte nach den Einkommensgrenzen gemäß des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Die Bepanthen-Kinderförderung setzt sich seit 2008 gegen Kinderarmut in Deutschland ein.

Podcast
Kinder-ECHO Zukunft

Studienbericht Befragung Kinder-ECHO Zukunft 2010

Bepanthen-Kinderförderung

Bepanthen Kinderförderung gegen Kinderarmut

Seit 2008 unterstützt die Bepanthen-Kinderförderung Kinder, die in Deutschland in Armut aufwachsen. Elemente der Initiative sind eine jährliche Spendenaktion an das Kinderhilfsprojekt die Arche, Förderprogramme sowie Sozialforschung.

zur Kinderförderung

Bepanthen-Kinderarmutsstudie

Sozialforschung Bepanthen Kinderarmutsstudie

Sozialwissenschaftliche Untersuchung zeigt erstmals die Perspektive von sozial benachteiligten Kindern.

zur Studie