Sozial benachteiligten Kindern fehlen gute Vorbilder

Ein bedenklicher Lebensstil bereits in jungen Jahren bedeutet ein Gesundheitsrisiko für Kinder, die in Armut leben. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung der Bepanthen-Kinderförderung

Kinder, die Armut leben, sind häufiger krank, ernähren sich schlechter und treiben weniger Sport als Kinder aus privilegierten Verhältnissen. Die Ergebnisse der repräsentativen Kinder-Umfrage „Gesundheit“, einer repräsentativen Meinungsumfrage des Jugendforschungsinstituts iconkids & youth im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung, zeigen die Sichtweise von mehr als 700 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Sie wurden zu ihrem Gesundheits-, Ernährungs- und Bewegungsverhalten interviewt. Fazit: Kinder aus ärmeren Verhältnissen führen einen ungesünderen Lebensstil und legen damit den Grundstein für mögliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

Sozial schwache Kinder anfälliger für Krankheiten
Kinder aus sozial benachteiligten Familien fühlen sich insgesamt weniger gesund als ihre besser gestellten Altersgenossen: 16 Prozent von ihnen stimmten der Frage „Hast Du das Gefühl, dass Du oft krank bist?“ zu, im Vergleich zu 12 Prozent der privilegierten. Signifikant waren die Unterschiede bei „Erkältung, Husten und Halsschmerzen“ (48 zu 39 Prozent) sowie „Kopfschmerzen“ (19 zu 11 Prozent), von denen sozial schwache Kinder deutlich stärker betroffen sind. „Dieses Bild entspricht den Erfahrungen aus der Praxis“, erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), der die Befragung der Bepanthen-Kinderförderung wissenschaftlich begleitet hat. „Kinder in diesem Alter sind normalerweise kerngesund. Bei sozial Schwachen wird allerdings häufiger zuhause im Beisein der Kinder geraucht, so dass sie anfälliger für Atemwegsinfekte sind, und sie halten sich wesentlich länger in den Wohnräumen auf als Kinder aus privilegierten Bevölkerungsgruppen. Auch exzessiver Medienkonsum spielt in diesem Zusammenhang eine ganz wesentliche Rolle.“ Bei der Interpretation der Ergebnisse muss jedoch auch kindliches Verhalten berücksichtigt werden. „Kinder spiegeln sehr häufig das Verhalten ihrer Eltern wider und ahmen sie nach“, erläutert Hartmann. „Wenn Eltern oft über unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen klagen, ist dies auch bei ihren Kindern der Fall.“

Arzttermin statt Schulbesuch
Wenn ihr Kind krank ist, geht laut der Befragung fast ein Viertel (23 Prozent) der Eltern aus sozial benachteiligten Familien eher selten oder nie zum Arzt, im Vergleich zu 11 Prozent der privilegierten. Auffällig ist auch, dass die Arztbesuche im Krankheitsfall bei Kindern aus ärmeren Verhältnissen mit zunehmendem Alter weniger werden, während sie bei ihren nicht sozial benachteiligten Altersgenossen konstant bleiben. „Eltern aus sozial schwachen Milieus nehmen bereits die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen häufig nicht wahr“, schildert Dr. Hartmann seine Erfahrungen. „Je älter diese Kinder werden, desto eher werden sie im Krankheitsfall zuhause behalten, statt einen Arzt aufzusuchen. Das sehen wir aber auch als Folge der Sozialgesetzgebung, weil bei Patienten ab dem 12. Lebensjahr nicht verschreibungspflichtige Medikamente in der Regel von den Krankenkassen nicht mehr erstattet werden.“ Dies wird durch ein weiteres Ergebnis der Befragung des Kinder-ECHOs bestätigt: So geben mehr sozial schwache als privilegierte Kinder an, häufiger krankheitsbedingt in der Schule zu fehlen (19 zu 14 Prozent).

Befragung Einfluss Kinderarmut und Gesundheit

Esskultur wird im Kindesalter geprägt
Das Kinder-ECHO der Bepanthen-Kinderförderung hat auch das Ernährungsverhalten beleuchtet. Nach Selbstauskunft aller befragten Kinder isst nicht einmal die Hälfte (40 Prozent) täglich frisches Obst oder Gemüse. Defizite haben vor allem sozial benachteiligte Kinder: Bei nur 49 Prozent von ihnen kommen Apfel oder Karotte an sechs bis sieben Tagen pro Woche auf den Teller (im Vergleich zu 59 Prozent bei den privilegierten). Empfohlen ist dagegen der tägliche Verzehr von fünf Portionen Obst und Gemüse. Fleisch und Geflügel hingegen machen bei vielen Kindern Milieu-übergreifend einen zu großen Anteil an der Ernährung aus: Mehr als ein Viertel (26 Prozent) gab an, diese Lebensmittel an sechs oder sieben Tagen in der Woche zu sich zu nehmen. Und das, obwohl Ernährungswissenschaftler nur zwei bis drei Portionen wöchentlich empfehlen. Ein deutlicher Unterschied zwischen den sozialen Milieus zeigt sich beim Verzehr von Süßigkeiten und Snacks: 58 Prozent der Kinder aus ärmeren Haushalten geben an, diese nahezu täglich zu konsumieren. Bei ihren bessergestellten Altersgenossen trifft das zwar weniger, aber immerhin noch auf 38 Prozent zu. Grund ist ein gelerntes Fehlverhalten der Eltern: „In vielen Familien werden Süßigkeiten immer noch als Belohnung verstanden, so dass sie als etwas Positives betrachtet werden“, sagt Hartmann. „Hier müssen zuerst die Eltern umdenken.“ Doch nicht nur die Ernährungs-, sondern auch die Trinkgewohnheiten der Sechs- bis Zwölfjährigen sind bereits ungesund: So ist bei 34 Prozent der Kinder, die in Armut leben, (24 Prozent der privilegierten) das Glas fast täglich mit kalorienhaltigen Limonaden gefüllt. Das Fazit von Dr. Hartmann: „Diese Esskultur prägt die Kinder für ihr ganzes Leben und birgt ein echtes Gefahrenpotential für ihre Gesundheit, vor allem deshalb, weil viele eine solche Ernährung als normal betrachten.“

Befragung Einfluss Kinderarmut auf Ernährungsverhalten

Fehlende Vorbildfunktion

Auch Bewegung und Sport kommen im Alltag der Kinder zu kurz. Insgesamt gaben 30 Prozent der befragten Kinder an, keinen oder nur selten zusätzlichen Sport neben dem obligatorischen Schulsport zu betreiben. Bei den sozial Benachteiligten waren es sogar 39 Prozent. Auffällig sind hier die entsprechenden Zahlen bei den Eltern: So sind laut den Angaben der sozial benachteiligten Kinder nur 35 Prozent ihrer Mütter und 30 Prozent ihrer Väter sportlich aktiv (zu 46 und 40 Prozent der Eltern nicht sozial benachteiligter Kinder). Das zeigt, wie sehr das elterliche Verhalten ihre Kinder prägt. „Das Normempfinden von Kindern wird aber auch von ihrem Umfeld geprägt. Deswegen sollten wir vor allem den sozial benachteiligten Kindern Vorbilder für einen gesunden Lebensstil zur Seite stellen, an denen sie sich orientieren können“, empfiehlt Hartmann. Eine solche Vorbildfunktion können beispielsweise auch Institutionen wie das Kinderhilfsprojekt Arche übernehmen, die Kindern, die in Armut leben, verlässliche Strukturen, regelmäßige Mahlzeiten und sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten.

Über das Kinder-ECHO
Die repräsentative Umfrage zum Kinder-ECHO erfolgte durch das Jugendforschungsinstitut iconkids & youth im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung, die neben Spende und Förderprogramm auch Sozialforschung betreibt. 722 Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren wurden dabei im Juni und Juli 2010 persönlich interviewt. Die Definition von sozial benachteiligten und privilegierten Verhältnissen erfolgte nach den Einkommensgrenzen gemäß des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). Die Bepanthen-Kinderförderung setzt sich seit 2008 für Kinder, die in Deutschland in Armut leben, ein.


Podcast
Kinder-ECHO Gesundheit

Studienbericht zur Kinder ECHO 2010 Gesundheit

Bepanthen-Kinderförderung

Bepanthen Kinderförderung gegen Kinderarmut

Seit 2008 unterstützt die Bepanthen-Kinderförderung Kinder, die in Deutschland in Armut aufwachsen. Elemente der Initiative sind eine jährliche Spendenaktion an das Kinderhilfsprojekt die Arche, Förderprogramme sowie Sozialforschung.

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Sozialwissenschaftliche Untersuchung zeigt erstmals die Perspektive von sozial benachteiligten Kindern.

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